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TiAM Fundresearch: Big Pharma geht auf Einkaufstour – beginnt jetzt der Gesundheitsboom?

 

Nach Jahren im Schatten der Technologieaktien fließen wieder Milliarden in Gesundheitsaktien. Auslaufende Patente, wissenschaftliche Durchbrüche und künstliche Intelligenz könnten den Gesundheitssektor neu beleben.

03.08.2026 | 06:00 Uhr

 

Große Pharmakonzerne wie Eli Lilly investieren wieder Milliarden in die nächste Generation von Arzneimitteln. Mitte Juli vereinbarte Eli Lilly die Übernahme des auf neuartige Therapien für psychische Erkrankungen spezialisierten Biotech-Unternehmens AtaiBeckley. Der Kaufpreis kann bis zu 3,8 Milliarden US-Dollar erreichen.

Der Deal steht für eine größere Bewegung: Die Übernahmeaktivität im Biotech-Sektor hat deutlich zugenommen und im ersten Halbjahr bereits nahezu das Niveau des gesamten Vorjahres erreicht. Nach Zahlen von IQVIA belief sich der Wert der Transaktionen in den ersten sechs Monaten auf rund 130 Milliarden US-Dollar. Hält die Dynamik an, könnte die Summe bis Jahresende auf rund 250 Milliarden US-Dollar steigen. Große Pharmakonzerne müssen ihre Pipelines füllen, weil in den kommenden Jahren zahlreiche umsatzstarke Medikamente ihren Patentschutz verlieren. Zugleich sind viele Biotech-Unternehmen nach schwierigen Börsenjahren günstiger zu haben. Beginnt damit der nächste Gesundheitsboom?

Die Börse lief der Medizin davon

An medizinischem Fortschritt mangelt es nicht. Neue Therapien verändern die Behandlung von Krebs, seltenen Erkrankungen, Diabetes und Übergewicht. Gentherapien setzen unmittelbar an bestimmten Krankheitsursachen an. Präzisere Diagnostik ermöglicht frühere und gezieltere Behandlungen.

An der Börse kam davon lange wenig an. Seit der Pandemie floss viel Kapital in Technologie- und KI-Aktien. Steigende Zinsen belasteten zugleich junge Biotech-Unternehmen, die noch keine Gewinne erzielen und ihre Forschung über den Kapitalmarkt finanzieren müssen.

Die langfristigen Treiber sind jedoch intakt: Die Weltbevölkerung wächst und altert. In Schwellenländern erhalten mehr Menschen Zugang zu moderner Medizin. Gleichzeitig gibt es weiterhin zahlreiche Krankheiten ohne ausreichende Therapie. Hinzu kommt die vergleichsweise geringe Konjunkturabhängigkeit. Medikamente und notwendige Operationen werden auch in wirtschaftlich schwächeren Zeiten gebraucht. Gesundheit kann deshalb ein Portfolio stabilisieren, gerade nach Jahren extremer Tech-Dominanz.

Warum traditionelle Kennzahlen bei Biotech wenig helfen

Ein besonders interessantes Beispiel ist die Biotechnologie, etwa bei kleinen und mittelgroßen Pionieren, die neue Medikamente entwickeln. Ein klassischer Vergleich über das Kurs-Gewinn-Verhältnis dieser Aktien ist jedoch wenig aussagekräftig. Denn viele dieser forschungsstarken Unternehmen verfügen noch über kein zugelassenes Medikament und erzielen keine Gewinne. Entscheidend sind daher andere Fragen: Wie überzeugend ist der Wirkmechanismus der Medikamente, die sie entwickeln, und wie belastbar sind die klinischen Daten? Wie groß ist der medizinische Bedarf, und wie wahrscheinlich ist eine Zulassung?

Positive Studienergebnisse können den Wert eines Unternehmens vervielfachen. Scheitert eine Studie, kann die Aktie abstürzen. Wissenschaftliche Expertise ist daher auch Risikomanagement. Medizinische und molekularbiologische Analysen helfen, aussichtsreiche Ansätze von bloßer Hoffnung zu unterscheiden. Verluste lassen sich nicht ausschließen. Doch entscheidend ist, über das gesamte Portfolio häufiger richtig als falsch zu liegen.

KI wird in der Medizin konkret

Künstliche Intelligenz könnte die Entwicklung zusätzlich beschleunigen. In der Arzneimittelforschung analysiert sie biologische Daten, identifiziert mögliche Angriffspunkte und unterstützt die Auswahl neuer Wirkstoffe. Auch in der Diagnostik und Bildgebung entstehen konkrete Anwendungen. Algorithmen können beispielsweise CT-Aufnahmen auswerten und Ärztinnen und Ärzte bei der Erkennung von Tumoren unterstützen. Ein weiterer Hebel liegt in der Verwaltung. Dokumentation, Abrechnung und Koordination verschlingen erhebliche Ressourcen. KI könnte Prozesse vereinfachen und damit helfen, medizinischen Fortschritt bezahlbarer zu machen.

Aktiv Chancen suchen

Der Gesundheitssektor ist allerdings kein einheitlicher Markt. Große Pharmakonzerne erzielen stabile Gewinne und zahlen häufig Dividenden, wachsen aber langsamer und müssen auslaufende Patente ersetzen. Biotech-Unternehmen verfügen über größeres Wachstumspotenzial, tragen jedoch auch höhere Entwicklungsrisiken. Bei Medizintechnikern haben Zölle, Handelskonflikte und unternehmensspezifische Probleme zuletzt teilweise für deutlich niedrigere Bewertungen gesorgt.

Der nächste Gesundheitsboom dürfte deshalb kein breiter Hype werden. Entscheidend sind wissenschaftliche Qualität, medizinischer Nutzen und ein tragfähiges Geschäftsmodell.

Dass Big Pharma gerade wieder Milliarden in neue Wirkstoffe und Unternehmen investiert, ist dennoch ein starkes Signal. Der nächste Gesundheitsboom wird selektiv verlaufen, und genau darin liegt die Chance für aktive Investoren.